DIE MARKENTEILUNG UND DIE KULTIVIERUNG DER

MOOR- UND HEIDEFLÄCHEN

 

Einleitung

Bei dem Wort "Markenteilung" denkt man meistens nur an die Markenteilung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die im Zuge der Bauernbefreiung durchgeführt wurde.

Teilungen gab es aber schon lange vor dieser Zeit. Man musste der ständig wachsenden Bevölkerung eine Existenzgrundlage geben. Daher wies man Neusiedlern Plätze in der "gemeinen Mark“ zu, "Zuschläge" genannt, weil ihnen dieses Land auf Antrag hin "zugeschlagen" wurde.

Altere Höfe haben aber auch Flurstücke, die sie noch heute: "Zuschlag" nennen. Auch sie beanspruchten und erhielten Zuschläge, da die Flächen der gemeinen Mark durch neue Ansiedlungen immer mehr schrumpften.

1762 gab es in Varl 59 Altsiedler und 56 Neusiedler. Damals besaßen die alten Höfe nur Ackerland, die größten Höfe etwa 10-12 Morgen.

Heuwachs bekamen sie fuderweise in der Mark zugeteilt.

Durch den Erwerb von Zuschlägen hatte sich der Besitz in einigen Jahrzehnten oft verdreifacht. Diese Zuschläge wurden meistens auf höher gelegenen Flurstücken angelegt. Als große, zusammenhängende Markengründe blieben in Varl die Feuchtgebiete Fledderbruch und Bekebruch erhalten. Wie sollte hier ein einzelner Siedler mit der notwendigen Entwässerung fertig werden?

Friedrich der Große schaffte hier Wandel. Da er die völlige Aufteilung der Marken gegen den Widerstand der gutsherrlichen Ritterschaft nicht durchsetzen konnte, nahm er dort die Teilung vor, wo er das Sagen hatte, auf den königlichen Domänen. Zu einer solchen war die Vogtei Rahden nach dem 30jährigen Krieg geworden. In Varl waren nur wenige Bauern Gutsherren untertan. Die Gemeinde Varl sah in den neuen Maßnahmen eine Möglichkeit, die nassen Bruchwiesen zu entwässern, so gut es ging, denn die Aue war noch nicht reguliert.

Dass die damals eingeleiteten Maßnahmen nur Behelf waren und es auch bis zur Flurbereinigung in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts blieben, haben wir oft genug durch Überschwemmungen erfahren.

 

Die Fledderbruchs- und Bekebruchs-Interessengemeinschaft

 

a) Allgemeines

Der ersteren gehörten die Bauern der Bauerschaftsbezirke Hinternfelde, Bulzendorf und Haßmoor an.

Zur zweiten zählten die Bauern von Varl, Lohbusch, Varlheide, Kronspon und Steinkämperfeld.

Wann genau die Gründung dieser Interessengemeinschaften stattfand, konnte ich bisher nicht erfahren. Dass sie vor 1800 vorgenommen wurde, belegt folgendes Dokument, das im Besitz unserer Familie ist: Wir erwarben 1803 ein Grundstück in der Westerheide Verkäufer war die Bekebruchs-Interessengemeinschaft, geleitet von dem Vorsitzenden Engelke Griepenstroh Nr. 5 und den Deputierten Brammeier Nr. 25, Thane Nr. 26 und Spreen Nr. 67 "dero Gemeinheit Hinternfelde, Bultendorf und Haßmoor bey Varrel"

In dem mehrseitigen Kaufvertrag vom 23.8.1803 heißt es:

Kund und zu wissen sey hiermit, demnach die Theilung der Gemeinheiten von Sr. Königl. Majestät von Preußen verordnet, demzu folge die Gemeinheits-Distrikte der Varler hinter dem Felde wohnenden, das Bekebruch und Heide (Westerheide) zur Theilung befördert worden, und da die Interessenten sich vereinbahrt haben, die mit den Geschäftsverbundenheiten durch Verkauf einiger Plätze auf zu bringen, zu dem Ende, besage des abschriftlich bey liegenden Protocolls verkauft haben an den Colonen Steinkamp Nr. 3 einen auf der Heide am Wege belegenen platz von 4 Mrg. für das verabredete Kaufgeld von 115 Thlr. in Gold, die Käufer auch an den Rechnungsführer Brammeier bezahlet

Am 14. Dez. kann Steinkamp den Kaufbrief im Ahlemannschen Hause in Empfang nehmen.

Königl. Preuß. Rahdensche Marken - Theilungs-Kommission. Schrader

Steinkamp bekommt auch zur Auflage, an zwei Seiten dieses Grundstücks nämlich an dem Weg nach Olkers Wiese (zur Horst) und an "Hodden Damm" Gräben in 3 Fuß (etwa 1 Meter) Breite anzulegen.

Aus den Dokumenten geht hervor, dass die Interessengemeinschaften das Ziel verfolgten, Käufer für Plätze in den Gras- und Heidegründen zu finden, um auch diese Flächen in einen besseren Kulturstand zu setzen.

Über die Fledderbruchsgemeinschaft gibt es einen Bericht von August Steinkamp, Varl Nr. 14 (Hartmeier), geb. 1870.

Er schreibt 1933 in seinen Lebenserinnerungen:

Die Fledderbruchswiesen waren in Parzellen zu je 2 Mig. eingeteilt. Diese wurden alle 5 Jahre von meinem Vater, Wilh. Steinkamp (Gemeindevorsteher von 1879-1915), neu verpachtet. - Mein Großvater, Christoph Steinkamp Nr. 3, hat die Kasse der Interessengemeinschaft geführt und war auch Gemeindeverordneter.

Ich nehme an, dass mein Urgroßvater 1866 als Kassierer eingesetzt wurde, da aus diesem Jahre folgende Vollmacht vorliegt:

Wir Endesunterschriebenen Fledderbruchsinteressenten zu Varl, bevollmächtigen den Colon Steinkamp Nr. 3 zu Varl zur Eincassierung der Grasgelder der Bauerschaftswiese, welche jedes Jahr aus der Auction herauskommen, und kann darüber eine rechtskräftige Quittung ausstellen. Auch geben demselben Vollmacht, wenn dieses Geld zu Lichtmeß jeden Jahres nicht freiwillig bezahlt wird, solches gerichtlich beitreiben zu lassen.

Außerdem muss der Colon Steinkamp von diesen zu hebenden Geldern sämtliche Ausgaben, welche auf den vorhandenen Grundstücken haften auszahlen.

Für diese Bemühung bewilligen wir dem g. Steinkamp jährlich 3 Thaler, die derselbe von dem erhaltenen Gelde zurückbehalten kann.

Am 1. Mai jeden Jahres muss der g. Steinkamp über Ein- und Ausgabe Rechnung legen.

Als Kassenbestand übernimmt der g. Steinkamp - 61 Thlr. 11 Sgr. 

Varl, d. 10.Jan. 1866

Es bleibt sowohl dem g. Steinkamp als auch den Interessenten vorbehalten, solches am 1. Januar jeden Jahres zu kündigen.

Unterschrieben haben: 

Wöstehoff 1, Winkelmann 23, Lohmeier 11, Lampe 13, Hartmeier 14, Hodde 7, Pörtner 40, Schwettmann 16, Steinkamp 3, Spreen 38, Schlechte 15, Wiegmann 6, Schlechte 31, Wechter 48, Steinkamp 4, Lappe 73, Tödtenheide 18, Röhe 22, Blanke 27

 

b) Verpachtungs-Bedingungen

Am 24. Juni 1868 wurde das Gras in der Bauernschaftswiese zu folgenden Bedingungen verpachtet:

1.       Die Verpachtung geschieht in Golde, jedoch kann jeder Pächter, wenn er zu Lichtmeß, also den 2. Febr. eines jeden Jahres, bezahlt, in Courant bezahlen. Wer nach der bestimmten Zeit bezahlt, muss unweigerlich in Golde bezahlen.

2.       Sicheren Pächtern wird der Zuschlag gleich erteilt, Unsichere müssen einen Bürgen stellen.

3.       Nach erteiltem Zuschlag geht Gewinn und Verlust auf Pächter über. 

4.       Der letzt Bestbietende bleibt an sein Gebot gebunden.

5.       Die Nachweide darf von den Pächtern nicht genutzt werden.

6.       Die Pachtsumme muss an Colon Steinkamp Nr. 3 bezahlt werden.

7.       Die Verpachtung gilt für die folgenden Jahre: 1868, 1867, 1870, 1871.

Nachdem diese Bedingungen deutlich vorgelesen, wurden dieselben von den Pächtern unterschrieben.

Varl, d. 21. Juni 1868

Gelegentlich finden sich auch Rechnungen über verzehrten Kümmel in meines Urgroßvaters Akten.

Es wurde aber nicht nur der Wiesenwachs verkauft, sondern auch die Heide, die als Einstreu diente.

Die Verkaufsbedingungen der Heide lauten:

Die Heide wird so verkauft, wie sie in den abgesteckten Theilen zugewiesen wird, muß auf den 1. Oktober dieses Jahres abgefahren sein und an Colon Steinkamp Nr. 3 bezahlt werden. Wer sie an diesem Tag nicht abgefahren hat, verliert das Eigentum, muß aber trotzdem bezahlen.

Es sind dann 27 Käufer eingetragen, die nun nicht mehr in Talern, sondern in der 1871 eingeführten Mark bezahlen. - Die einzelnen Beträge reichen von 2 bis 20 M.

Käufer für Flächen der Bauerschaftswiese fanden sich wohl selten. In Urgroßvaters Buchführung fand ich nur zwei Verkäufe eingetragen:

1870 ein Gemeinheitsplatz verkauft an Kunter Nr. 125 für 53 Thaler An Löhr Nr. 33 einen Platz für 37 Thir. 13 Gr. 4 Pf. Leider sind die Flächengrößen nicht angegeben.

Immer wieder sind in den Ausgaben der Interessengemeinschaft auch Rechnungen über Brückenreparaturen vorhanden.

Lappe Nr. 73 stellte beispielsweise folgende Rechnung auf:

In Jahre 1865 war die Brücke in Spekkerdamm (Strohdämm) übergetrieben das Sie Unbefahrbaar war habe ich gespehret. Sa. - 5 Sgr.

Die Ausgaben der Interessengemeinschaft Fledderbruch aus dem Jahre 1868 sollen hier beispielhaft wiedergegeben werden. Sie geben einen guten Überblick über die Verpflichtungen dieser Genossenschaft.

An Tischlermeister Windhorst        Thaler     Groschen      Pfennig

für Kümpe                                          3 Thlr.     20 Gr.

für Steuern nach Levern                               2 Gr.

An Rüter Nr. 28

für Röhren                                          5 Thlr.

für Tannen ausbauen

an Böker u. Obermann                     6 Thlr.

Grundsteuer f. d. Gemeinheit          3 Thlr.

Bauerwerksgeld

u. Kirchensteuer                                               19 Gr.           10 Pf.

an Tödtenheide für

Eichenbohlen 11 Fß. lang                              11 Gr.

für ein Publikantum

(Bekanntmachung)

für Brandes (Lehrer)

an Wagenfeld bezahlt                                      2 Gr.             6 Pf.

an Windhorst für 4 Kümpe               25 Thlr.    2 Gr.             6 Pf.

                                                                Thaler      Groschen     Pfennig

Domänensteuer an

Rendant Hollmann                                                       21 Gr.

Wassergeld pro 1868                               5 Thlr.      27 Gr.

Schulbaugeld an Hollmann                                     15 Gr.

für meine (= SteinkamP Nr 3)

Bemühungen                                           3 Thlr.

Summa                          65 Thlr.     7 Sgr.

Einnahme                                                86 Thlr.     2 Spr.           8 Pf

Überschuß                                              20 Thlr.    25 Sgr           8Pf

Varl, d. 3. Okt. 1870

Revidiert und für richtig befunden

Pörtner - Vorsteher

Lappe, Lohmeyer, Schwettmann, Rüter, Oelker

 

c) Das Ende der Interessengemeinschaften

Nach der allgemeinen Markenteilung blieb ein restlicher Besitz der Bekebruchs-Interessengemeinnschaft im Heuerlingsteil am SpeckerDamm, auch Strohdamm genannt, bis zur Flurbereinigung erhalten.

Man verlegte dieses Grundstück, etwa 12 Morgen, aber an den Bruchweg, der von Wehbrink Nr. 18 bis Schwettmann Nr. 130 führt. Es wurde von der Stadt Rahden übernommen mit der Auflage, es an Interessenten zu verkaufen. Die Familie Schulze Nr. 46 hatte im Zuge der Flurbereinigung Abholzungen vorgenommen und bekam nun zur Auflage, diesen Holzbestand zu ersetzen. Schulze kaufte diesen Heuerlingsteil im Jahre 1978 und forstete ihn auf. Die Verkaufssumme teilten sich die Stadt Rahden und die früheren Bekebruchs-Interessenten (40 zu 60 %).

Die Stadt Rahden hat den Erlös in Varl z. T. zur Restaurierung der Friedhofsmauer verwendet. 60 % wurden unter den früheren Mitgliedern aufgeteilt. Die Heuerlinge konnten kein Geld beanspruchen, da sie nur Nutznießer gewesen waren.

Damit war die Bekebruchs-Interessengemeinschaft aufgelöst. Sie hat etwa 200 Jahre Bestand gehabt.

Leider ist mir nicht bekannt, wann und wie die Fledderbruchs-Interessengemeinschaft aufgelöst wurde.

Der Maßstab für die Landzuweisungen war die Steuerleistung der einzelnen Interessenten.

Es gab auch damals Streitereien, wie wir sie später selbst zur Zeit der Flurbereinigung erlebten.

Nun wurde vermessen, gerade Flurgrenzen wurden gezogen, In alten Karten weisen die einzelnen Flurstücke nur krumme Grenzen aus.

Die alten Höfe (Colonate) vor Jahrhunderten gegründet, die ersten gewiss schon in sächsischer Zeit, hatten sich beim Roden und Kultivieren dem Gelände angepasst. Die einfachen Arbeits- und Ackergeräte erforderten keine geraden Grenzen wie heute unsere Maschinen.

Mein Vater nannte noch einen anderen Grund für die Entstehung ungerader Grenzverläufe: Der Aberglaube unserer Vorfahren, krumme Grenzen könnten von bösen Hexen nicht überschritten werden, hatte sie zu dieser "Vorsichtsmaßnahme" veranlasst.

Heute stellen wir fest, dass es tatsächlich nicht immer von Nutzen war, wie vor allem im Zuge der Flurbereinigung geschehen, alles zu begradigen, besonders die Flußläufe und Gräben nicht.

Teilweise wird wieder renaturiert.

Trotzdem wollen wir dankbar anerkennen, dass durch die Markenteilung ein Kultivierungsprozeß in Gang gesetzt wurde, der in etwa 100Jahren aus unserer "Poggenwelt" eine blühende Landschaft schuf, in der es sich leben lässt.

 

Der Teilungs-Rezess der Varler Grasgründe 1839

Vor einigen Jahren wurden mir vom Katasteramt in Minden durch Vermittlung von Werner Kokemoor freundlicherweise die Aufzeichnungen des Teilungsrezesses der Varler Markengründe zur Einsicht überlassen. Von den wichtigsten Punkten machte ich Abschriften, auch einzelne Fotokopien, die hier nur teilweise wiedergegeben werden sollen.

Zunächst das Beglaubigungsschreiben:

Die Königliche Wohllöbliche Landräthliche Behörde erhält die beiliegende beglaubigte Abschrift des heute bestätigten Theilungs-Recesses der Varler Grasgründe, vom 30. Januar dieses Jahres zur Aufbewahrung in der Kreisregistratur, mit dem Bemerken, daß eine Hauptausfertigung des Recesses nebst Charte künftig in der Wohnung des Lehrers zu Varl bei Rahden zum Gebrauch der Interessenten deponiert werden wird.

Münster, den 29. April 1839

Königl. General-Commission Unterschrift

Receß

Verhandelt zu Varl in der Wohnung des Gastwirths Wagenteld den 30. Januar 1839

Nachdem die Eingesessenen der Bauerschaft Vart dahin angetragen, daß die vor einigen 30 Jahren bereits eingeleitete und durch Abmessung und Anweisung der Antheile bereits ausgeführte Theilung der im Regierungsbezirke Minden, Kreis Lübbecke und Verwaltungsbezirke Rahden belegenen Varler Grasgründe wieder aufgenommen und gänzlich abgeschlossen werden möge, und die Königl. General-Commission zu Münster diesem Anträge deferirt hat, so ist nach allseitiger Anerkennung der im Jahre 1804-1806 bewirkten Theilung heute über selbige der nachstehende Theilungs-Receß von sämtlichen Interessenten abgeschlossen und vollzogen worden.

§ 1 den Theilungs-Gegenstand bilden die im Dorfe Varl und deren Feldmark zerstreut umherliegenden Gemeinde-Weiden, der kleine und große Teich, die Braake vor dem Walde, das Fledderbruch, der Lohbusch, die Varlheide, im Frie, auf der Sattlage, Mühlenheide und nach Abzug der Wege und Gräben von 1775 Morgen, 49 Ruthen, 5 Fuß Flächeninhalt.

Durch diese Gemeinheiten führen die in dem beigefügten Spezial Vermessungsregister des Steuer-Controlleur, Geometer Hederich aufgeführten und näher bezeichneten Wege und Gräben.

Unter der daselbst angegebenen Breite der Wege sind die an denselben befindlichen Gräben begriffen, und wo noch nicht vorhanden, müssen dieselben von den Wegen genommen werden.

§ 3

Zum gemeinschaftlichen Gebrauch sind die in dem anliegenden Register Hub. Nr. 76 ihrer Lage und Größe nach näher bezeichneten Parzellen der Katasterkarten von 22 Morgen, 131 Ruthen, 49 Fuß Flächeninhalt ungetheilt verblieben.

§ 4

(Hier sind die Namen der Colonate und deren Besitzer genannt, die berechtigt an der Gemeinheit sind.

Außerdem waren die Nachbargemeinden Oppendorf und Destel (heute Twiehausen) von der Teilung betroffen, da dortige Colonate in Varl Besitz hatten).

§ 5

Es haben sich alle Berechtigten über den Theilungsmaßstab im Wege des Vergleichs geeinigt und geht die einem jeden Interessenten zustehende Theilungsquote aus dem beigefügten Theilungsregister hervor. Desgleichen weist dasselbe nach, welche Grundstücke jeder Interessent zu seiner Abfindung erhalten. ( .. )

§ 6

Die sämtlichen durch diese Gemeinheit führenden § 2 bemerkten Wege und Gräben sind bereits seit langer Zeit in fahrbaren guten Stande und auch der Verwaltungsbehörde bereits zur Veranlassung deren Unterhaltung überwiesen und von diesen übernommen.

§ 7

Die Theilungskosten werden von sämtlichen Interessenten mit Ausschluß der Schule zu Varl, welche kostenfrei bleibt, nach Verhältnis der erhaltenen Abfindungen getragen und baar aufgebracht.

§ 8

In einer Breite von mindestens 1 1/2 Fuß vom äußeren Rande jedes Wegegrabens muss der Grund längs dem Grabenrande mit dem Pfluge verschont werden, und wenigstens ebenso weit jede Heckeoder der Fuß jeden Walles zurückweichen.
 
 

§ 9

Sämtliche Theilungsinteressenten bekennen, daß ihnen die im Theilungsregister bestimmten Antheile richtig zugetheilt und überwiesen, dass sie durch diese ihnen zugetheilten und gegenwärtig in ihrem Besitz befindlichen Grundstücke für ihre Theilnahme-Rechte vollständig entschädigt und abgefunden worden, und tragen hiermit darauf an, daß auf den Grund des gegenwärtigen Theilungs-Recesses der Besitztitel an ihren gegenseitigen Antheilen zum Hypothekenbuche berichtigt werde.

Zur eigenen Anregung und Besorgung dieses Eintrags erhalten sämtliche Betheiligte eine Ausfertigung desselben zum gemeinsamen Gebrauch und zu eines jeden Einsicht zur Aufbewahrung in der Schullehrer-Wohnung zu Varl.

Münster, d. 29. April 1839

Kgl.-Preuß.-General-Commission

gez. Delius

In 13 Fällen mussten Vormünder minderjähriger Hoferben eingesetzt und zur Unterschrift bevollmächtigt werden: ein Beweis der hohen Sterblichkeitsraten in der damaligen Zeit.

Als weitere Quelle soll hier wiedergegeben werden:

Special-Vermessungs-Register der getheilten Gemeinheit Varler Grasgründe 

Aufgenommen und getheilt in den Jahren 1806 - 1808 durch den Geometer Friemel. Nach der Kataster-Vermessung und nach den Friemelschen Registern zusammengestellt in den Monaten Februar, März, April 1838 von dem Steuerkontrolleur Geometer Hederich.

Es folgen nun viele Seiten mit genauen Angaben der Größe und auch der Grenzanlieger der zugeteilten Flächen. Diese Aufzeichnungen nahmen oft für eine Stätte eine ganze Seite ein. Da mir die Unterlagen nur für kurze Zeit zur Verfügung standen, muss ich mich darauf beschränken, die Größe der Anteile und die Summe der Teilungskosten in einer Tabelle darzustellen:

                                                                  Morgen      Ruthen       Fuß            Taler

Wöstehoff                              Nr. 1           47              2                7                 1244

Böker Nr. 2                                                41              121            66              1244

Steinkamp                             Nr. 3           63              38               60              1488

Steinkamp                             Nr. 4           49              40               50              1488

Hodde                                    Nr. 7           34              103            48              1244

Bödeker                                Nr. 8           35              19               67              1488

Löhr                                        Nr. 9           36              97               42              1488

Haßlage                                 Nr. 10         31              23               66              1488

Wiechmann                           Nr. 6           39              50               85              941

Lohmeyer                              Nr. 11         38              66               82              1074

Meyer                                     Nr. 12         35              23               22              992

Lampe                                   Nr. 13         30              100            28              992

Hartmeyer                             Nr. 14         34              171            92              941

Schlechte                              Nr. 15         34              55               28              992

Schwettmann                        Nr. 16         26              44               29              744

Kokemohr                             Nr. 17         28              172            22              992

Tödtenheide                          Nr. 18         33              29               3                 941

Oelker                                    Nr. 20         34              174            67              941

Peper                                     Nr. 21         38              0                 35              992

Röhe                                      Nr. 22         33              165            78              941

Lappe                                    Nr. 23         35              49               22              941

Blanke                                   Nr. 27         36              66               11              992

Rüter                                      Nr. 28         36              37               86              941

Hodde                                    Nr. 30         16              168            69              496

Löhr                                        Nr. 33         44              171            53              1074

Thane                                     Nr. 34         30              34               46              992

Kunter                                    Nr. 36         18              179            31              578

Lampe                                   Nr. 37         21              107            63              662

Spreen                                   Nr. 38         35              21               97              992

Schlüter                                 Nr. 39         32              142            2                 941

Pörtner                                   Nr. 40         18              44               21              662

Schmidt (69)                        Nr. 41         24              122            11              497

Rüter                                      Nr. 42         29              5                 15              778

Thane                                     Nr. 43         14              116            81              497

Blanke                                   Nr. 44         28              24               21              783

Steinkamp                             Nr. 45         35              11               21              941

Hodde                                    Nr. 46         19              176            2                 496

Wechter                                 Nr. 48         16              109            76              330

Kuhlmeier                              Nr. 49         10              38               51              330

Schwettmann                        Nr. 83         30              12               99              783

                                               (Dieser Hof wurde später aufgelöst u. z. Teil v.

                                               Hof Nr. 5 übernommen. Den Hofplatz kaufte

                                               Löhr 38).

Meyer                                     Nr. 50         14              176            71              578

Röhe                                      Nr. 51         17              2                80               497

Meyer                                     Nr. 52         9                 102            79               413

Kokemohr                             Nr. 53         24              167            89               662

Kropp                                     Nr. 55         25              61              73               578

Larmann                                Nr. 56         33              97              39               1244

Steinkamp                             Nr. 57         19              127            23               537

Schwettmann                        Nr. 60         14              116            77               458

Peper                                     Nr. 54         35              148            28              783

Wiegmann                             Nr. 66         8                 179            36              330

Oelker                                    Nr. 69         9                 153            29              330

Engelage                               Nr. 72         14              123            74               458

Lappe                                    Nr. 73         19              97              92               413

Rüter                                      Nr. 74         13              165            7                 413

Hodde(121)                          Nr. 75         24              122            9                 458

Wiechmann                           Nr. 78         10              39              78               330

Lohmeyer (126)                    (Hof aufgelöst, nach Posen ausgewandert)

Heitmann                               Nr. 81         23              61              24               458

Finke                                      Nr. 87         7                 29              23               249

Pieper                                    Nr. 88         28              90              9                 662

Drunagel                                Nr. 89         4                 122            49               249

Rüter                                      Nr. 94         14              129            31               249

Büttemeyer                            Nr. 95         4                 105            45               249

Hartmeyer                             Nr. (149)    9                 8                58               249

                                               (Hof verkauft, nach Amerika ausgewandert)

Steinkamp                             Nr. 97         12              61              42               249

Fleddermann                        Nr. 99         10              120            85               249

Brammeier                            Nr. 25         5                 176                               -

Die Schule zu Varl                                   9                 46               88

Zur Mühle Lindemann zu Rahden          2                113             19

Forst Fiskus für Pflanzenrecht

im Fledderbruch                                      69              75               50

Steinkamp Nr. 1 zu Oppendorf

für Hütungsrecht                                       2                 176            50

Klüsener Nr. 22 zu Oppendorf

für Hütungsrecht                                       3                 174

Kokemoor Nr. 20 zu Destel 12               172            6

Kokemoor Nr. 21 zu Destel 2                 68              94

Gemeinheit Varl                   22               131            49

Die Summe der Teilungskosten wurden auf ganze Taler gerundet.

Ich habe festgestellt, daß 14 Höfe, die ausnahmslos der Beeke-bruchs- Interessengemeinschaft angehörten, an dieser Markenteilung nicht teilnahmen. Es waren die Höfe Nr. 5, 24, 29, 31, 32, 35, 47, 58, 595 61, 62 63, 64, 65.

Ob man verzichtete, um die Teilungskosten zu sparen oder ob man bereits genügend Anteile im Beekebruch und der Westerheide erworben hatte, kann nicht gesagt werden.

 

Die Teilung der Varler Moorgründe

Die Moorteile, damals wichtig zur Torf- bzw. Brennmaterialgewinnung und zum Teil auch schon in Privathand, wurden anschließend vermessen und neu zugeteilt.

Es folgen die Namen der Interessenten, die sich als die einzigen Grundeigentümer der Gemeinheiten gemeldet, sich dafür gegenseitig anerkannt; auf die öffentliche Vorladung der allenfalls unbekannten Interessenten verzichtet, und übernehmen den gegenseitigen Regreß wegen der sich noch meldenden, nicht zugezogenen Interessenten.

Es folgen dann die Namen von 35 Eingesessenen zu Mühlendamm; Kleinendorf besaß wohl keine Moorteile.

Es können nicht alle Bestimmungen, die in 19 Paragraphen aufgeführt sind, wiedergegeben werden.

Zu den Kleinendorfern heißt es in § 12:

Die in § 3 genannten 35 Eingesessenen zu Mühlendamm erhalten zu ihrer gänzlichen Abfindung eine Landabfindung von 16 Morgen zwischen dem Schollenmoor und der Varler Heide, so dass der aus der Varler Heide in das Schollenmoor führende Weg genau mitten auf diese Abfindung führt.

Die hierdurch abgefundenen Eingesessenen zu Mühlendamm wollen von dieser Abfindung ganz gleich partizipieren, so dass jeder eine der Fläche nach gleiche Abfindung erhalte.

Die Abfindung ist zu 80 Thlr. abgeschätzt.

Es beträgt daher der Antheil eines jeden der hiermit abgefundenen Interessenten 82 Ruthen 29 Fuß zum Taxwerth von 2 Thlr. 8 Sgr 6 Pf

Unter den Eingesessenen zu Varl gibt es zwei Gruppen. In § 13 heißt es:

1. Die 14 Interessenten des bereits getheilten Varler Moores, welche damals zu wenig erhalten haben, werden in die Gemeinschaft mit aufgenommen. Sie gibt denselben eine jedem zustehende Entschädigung.

Es folgen die Namen und die gewährte Entschädigungssumme, die für jeden unterschiedlich ausfällt.

4. Diejenigen Interessenten, welche bei der früheren Theilung des Moores zu viel erhalten haben, lassen sich diese zu viel erhaltenen Beträge nicht nur kürzen, sondern noch 113 dieses Betrages mehr abziehen.

Zu dieser Gruppe zählten 23 Interessenten.

Insgesamt sind 109 Varler Interessenten genannt, darunter auch die Höfe, die bei der Teilung der Grasgründe nicht benannt sind.

Die Kleinendorfer Interessenten haben fast alle ihre Anteile sogleich verkauft, zum Teil an Kleinendorfer, meist aber an Varler Interessenten.

Hier einige Beispiele:

1. Dem Colon Christian Lübbe Nr. 8 in Kleinendorf verbleibt das Recht, während fünf nacheinander folgenden Jahren, vom 21. März 1839 an gerechnet, seinen Bedarf an Torf aus der dem Colon Kokemohr Nr. 53 in Varl zugetheilten Parzelle Nr. 108 der Karte zu nehmen und zu bereiten. Nach Ablauf dieser fünf Jahre hört das Recht auf. Der Colon Kokemohr erhält dafür vier Wochen nach der Bestätigung des Recesses von den Interessenten eine Geldentschädigung von 5 Thalern.

2. Der Colon Herm. Heinr. Brockschmidt Nr. 26 zu Mühlendamm erhält zur Beseitigung seines Anspruches auf einen besonderen Torfplatz im "Schwarzmoor" sechs Monate nach der Bestätigung des Recesses eine Geldentschädigung von 4 Thlr. 15 Sgr., womit derselbe sich einverstanden erklärt.

3. Der Colon Oelker Nr. 66 in Mühlendamm erhält für jegliche Ansprüche an der Gemeinheit "Seelriehe" eine Capital-Abfindung von 38 Thlr. Preuß. Courant, davon zahlt ihm der Colon Thane Nr 34 in Varl 23 Thlr. und der Colon Meyer Nr. 12 in Varl 5 Thlr. Der Rest wird von den Interessenten für die von dem Oelker vorgeschossenen Kosten bezahlt, wogegen dieser Vorschuß verrechnet wird.

Im übrigen haben die Eingesessenen zu Varl die ihnen verbliebene Abfindung nach eben den Grundsätzen vertheilt, wonach früher der Varler Wald vertheilt worden war.

Der Lehrer August Steinkamp in Häverstedt, von der Stätte Mühlensteg Nr. 127 stammend, schreibt in der von ihm erstellten Häverstedter Chronik:

Friedrich der Große verschenkte 1752 den Staatswald oberhalb des Ortes an die Landbesitzer in Häverstedt. Grund: Die Einwohner hatten keinen Waldbesitz, brauchten aber Bau- und Heizmaterial. Geld war wenig vorhanden. Deshalb "besorgte" man sich bei Bedarf Holz aus dem Staatswald.

Mit der Schenkung schlug der König zwei Fliegen mit einer Klappe. Er brauchte weniger Forstpersonal, und die neuen Waldbesitzer mußten für die Schenkung Steuern zahlen.

In Steinkamps Bericht ist stets vom Staatswald die Rede, von Forstleuten betreut, und er spricht von Schenkung, nicht von Teilung. Aber im Grunde ist beides miteinander vergleichbar.

Der Varler Wald wird wohl einige Jahrzehnte später noch zur Teilung gekommen sein. Da Varl und Sielhorst damals noch zusammen eine Gemeinde bildeten, bekamen auch Sielhorster hier Anteile.

 

Die Besiedlung der Varler Heide

Die Varler Heide wurde erst nach 1800 in stärkerem Maße besiedelt. Viele Varlheider und auch Varler werden wissen, dass es die Groß- oder Urgroßeltern waren, die ihre Stätten gründeten.

Als uralte Ansiedlung in Varlheide ist das frühere Gut Haßlage zu bezeichnen, das dem Mindener Bischof gehörte. Am 14.4.1470 tauschte dieser das Gut mit dem Kloster Levern aus und erhielt dafür das "Vorwerker Feld" in Varl, das bis dahin Leverner Besitz war.

Von den Siedlern des 19. Jahrhunderts ist einiges überliefert. Stellvertretend für alle Siedler dieser Zeit möchte ich die Gründerjahre einer Familie näher beschreiben, die so freundlich war, mir darüber zu berichten:

Familie Schwettmann Nr. 130 (damals Nr. 220), genannt Walgemeier.

Unser Nachbar Peper Nr. 91, auf Brammeiers Stätte Nr. 25 am 29. Mai 1768 geboren, war auf die Stätte Kunter Nr. 64 (heute Kellenberg) geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Im Alter von etwa 50 Jahren entschloss er sich, nach und nach seinen Besitz zu verkaufen. Er nahm sich einen Erben namens Böhning und zog um in sein Heuerlingshaus. Er erhielt die Hausnummer 91 (heute 54). Der Urenkel des Böhning und heutiger Besitzer dieser Stätte ist der Lehrer Wilfried Lange. Die alte Hofstätte wurde 1819 wieder von einem Kunter, wohl einem Verwandten, übernommen.

Franz Schwettmann, von der Stätte Schwettmann-Roßmüller Nr. 61 (damals 99) stammend, zählte mit zu den ersten Käufern Peperscher Ländereien. Er war Schäfer gewesen und hatte im Wechsel von 14 Tagen die Schafe auf den Höfen Hodde Nr. 45 (heute Wortmann Nr. 30) und Hodde Nr. 75 (heute Schulze Nr. 46) gehütet. Das erfährt man aus einem Brief der Sophie Hodde (Nr. 46), die in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Amerika auswanderte und Patin des ersten Kindes der Schwettmanns war.

Franz Schwettmann hatte von Peper 22 Morgen für 600 Taler gekauft, wovon aber nur 2 Morgen kultiviert waren. Schwettmann zahlte 300 Taler an und hatte nun Schulden und Zinsen zu bezahlen. Peper hatte sein Geld aus den Verkäufen dem Wirt Pettenpohl in Rahden anvertraut, der ihm hohe Zinsen versprach. Er beklagte sich später bei Schwettmanns immer wieder, dass er von ihnen im Vergleich mit Pettenpohl zu wenig Zinsen bekäme. Aber eines Tages war Wirt Pettenpohl pleite und Peper ein armer Mann ...

Franz Schwettmann heiratete eine Tochter der Stätte Thane Nr. 117 (heute Aßling). Die beiden machten sich nun daran, ihr Grundstück auf der "Walage" in Kulturland zu verwandeln. So bekamen sie den Hofnamen "Walgemeier", der auf dem Hof bis heute besteht.

Auf dem Grundstück gab es eine Erdhütte, vormals von "Brotträgers Franz" bewohnt. Der hatte die Aufgabe gehabt, Brot für die Armen der Gemeinde zu sammeln und an bestimmten Tagen an diese auszuteilen. - In der Rahdener Kirche wird eine Brotsammelkiste aus damaliger Notzeit verwahrt.

Diese Erdhütte diente nun dem jungen Paar bei ihren Rodungsarbeiten als Unterschlupf bei schlechtem Wetter. Man wohnte noch lange Jahre bei den Eltern.

Endlich konnte man daran denken, sich ein eigenes Heim zu schaf­fen. In Westrup wurde ein Fachwerkhaus auf Abbruch verkauft. Solche Verkäufe wurden von Siedlern gern genutzt. Man ersparte sich das mühsame Sägen von Hand und Verzimmern der Balken.

Unter tatkräftiger Mithilfe von den Eltern, Verwandten und Nachbarn entstanden mit der Zeit Hof und Heim für die Familie.

Schwettmanns, nun im Dorf nur "Walgemeiers" genannt, widmeten sich weiterhin mit Fleiß der Verbesserung ihres Besitzes. Drei Kinder wuchsen heran. Schon bald, nachdem der Sohn Wilhelm eine Familie gegründet hatte, ein Sohn war geboren, kam es 1864 zum Krieg gegen Dänemark. Wilhelm Schwettmann kehrte als einziger Soldat aus Varl aus diesem Feldzug nicht wieder heim.

Die Witwe des Wilh. Schwettmann heiratete später den Bruder ihres gefallenen Mannes. Der Sohn aus erster Ehe wanderte als junger Mann nach Amerika aus. Ihm folgten auch drei Söhne aus der zweiten Ehe. Alle wohnten in Cincinnati, drei waren Gärtner, einer verdiente sich als Fuhrwerker sein Geld. - Die Verbindung zu den Verwandten in Amerika haben Schwettmanns bis heute aufrechterhalten.

Auf dem Hof wächst nun die sechste Generation heran. Man ist gerade wieder dabei, den Besitz zu verbessern. Ein schönes neues Wohnhaus soll das alte Abbruch-Fachwerkhaus ersetzen ......

 

Varler Schäfer

Solange es hier noch ausgedehnte Heideflächen gab, zählten zum Viehbestand der Höfe auch die Schafe. Sie lieferten Fleisch, Wolle und wertvollen Dünger. So konnte man dem Ödland noch etwas Gewinn abringen. Nach der Größe unseres alten Schafstalles zu rechnen (1959 abgebrochen), muss es eine stattliche Herde gewesen sein, die auf unserem Hof gehalten wurde. Aufzeichnungen darüber fand ich allerdings nicht. In dem Anschreibebuch meines Urgroßvaters ist eingetragen: Schäfer Kruke, Ostern 1877-78, erhält 16 Thlr., hat 1 Thlr. für Weinkauf erhalten.

Nach mündlicher Überlieferung hat unser Schäfer bei schlechtem Wetter Schutz gesucht unter dem großen Deckstein des uralten Steingrabes, das unmittelbar neben der Heidefläche lag, die inzwischen längst kultiviert ist. Neben den Heiden wurden aber auch abgeerntete Ackerflächen beweidet und damit auch gedüngt. Im jährlichen Anbau- und Düngeplan meines Großvaters steht genau verzeichnet welches "Stück" (von Morgen ist nicht die Rede) mit welchem Dünger gedüngt und welcher Feldfrucht bebaut wurde. Außer Pferde-, Kuh- und Schweinemist wurde mit Schafplaggen und "Hörte" gedüngt. "Hörte" hinterließen die Schafe, wenn sie auf dem Acker in Hürden eingepfercht wurden.

1895 wagte mein Großvater den ersten Versuch mit Kunstdünger. Seine Eintragung: Im langen Lande das 13te und 14te Stück von vorne 128 Schritt lang 150 Ruten mit 3 Ltr. 16 Proz. Thomasschlacke besät.

Aus einem Feldpostbrief unseres Knechtes Wilhelm Vahrenkamp vom 24. März 1864 (Feldzug gegen Dänemark) geht hervor, dass er eigene Schafe auf unserem Hof hielt. Es war mit den Schafen wohl So wie mit dem Anteil Flachs, den das Gesinde bekam. Vahrenkamp fragt an, ob sie noch alle leben, schon gelammt haben. Die Schurwolle möge man verkaufen und ihm das Geld verwahren. Falls er nicht heimkäme, könne man mit dem Geld machen, was man wolle. Über die Schäferei in früherer Zeit gibt es einen interessanten Bericht des Bauern August Steinkamp, Varl Nr. 14. Er war ein Halbbruder

meiner Großmutter und schreibt in seinen Lebenserinnerungen (1933):

Es gab in meinen Kindertagen einen Menschen auf unserem Hof, dem ich die schönsten Erinnerungen verdanke. In den 1870ziger Jahren freute ich mich immer ganz besonders auf den Winter Denn dann kam Hinnerk Logemann mit seiner Schafherde zu uns und blieb über Winter bei uns. Unser jetziger Kuhstall war damals Schafstall. Die Herde umfasste 200-300 Schafe, nur Hammel. Diese Herde war sein Eigentum. Im Frühjahr zog er mit seinen Schafen nach der Senne bei Bielefeld. Im Sommer verkaufte er die ganze Herde auf dem Markt in Paderborn und kaufte sich Jährlinge wieder. Nach der Ernte zog er dann nach der Lübbecker Gegend, um dort bei den Bauern die Hürden aufzuschlagen, um für Roggen und Weizen zu düngen. Erst wenn Schnee lag, konnten wir mit dem Eintreffen von Hinnerk Logemann rechnen. Die ganze Nachbarschaft freute sich mit uns darauf Das war eine Pracht, wenn der ganze Hof voll von Schafen war. Für mich begann nun eine herrliche Zeit. Was wußte Hinnerk nicht alles zu berichten! Meistens waren es lustige Geschichten, für mich große Abenteuer. So bin ich mit Schafen groß geworden, und kann mich auch heute noch nicht gut von ihnen trennen.

Über seine eigenen Hüteerlebnisse schreibt August Steinkamp:

Mit fünf Jahren kam ich in die Volksschule zu Varl. Mein Lehrer war "der alte Vahle" wohl heute so genannt, weil 50 Jahre später wieder ein Lehrer Vahle hier unterrichtet. Damals wurde den Kindern schon während der Schulzeit so mancherlei Arbeit aufgebürdet. So musste ich morgens vor der Schulzeit und nachmittags die Kühe hüten. Die Hausaufgaben mussten während dieser Zeit gemacht werden. Es gab keine eingefriedigten Weiden. So habe ich als kleiner Junge schon manche Träne geweint, wenn die Kühe kein großes Verlangen nach Heide zeigten. Es war aber noch längst nicht alles kultiviert, und es musste auch auf Heide- und Ödland gehütet werden.

 

Schäfer Heinrich Böhning

Den älteren Varlern ist er noch in guter Erinnerung. Bis in die fünfziger Jahre hinein sah man ihn mit seiner Herde über Land ziehen. Neben eigenen Tieren betreute er im Sommer auch Schafe einiger Bauern mit, die im Winter dann in den eigenen Stall zurückkehrten.

Der Vater von Heinrich Böhning betrieb bereits eine Schäferei neben seiner kleinen Landwirtschaft.

Als nun "Scheper Beuning" aus Altersgründen dieses Gewerbe aufgab, glaubte man, nun sei es für alle Zeiten vorbei mit der Schafhaltung in Varl und man würde Schafherden nur noch in dafür geeigneten Naturschutzgebieten antreffen. Diese Vermutung traf nicht zu. Heute gibt es in Varl eine Schäferei, die sogar im Vollerwerb betrieben wird.

1985 erwarb Familie Möller aus Oppenwehe die Stätte Nr. 153 in Varl, früher das Heuerlingshaus des Hofes Krop Nr. 93 (heute 55). Um 1860 wurde es von dem Neusiedler Wolter erworben. Die Familie Wolter, selbst kinderlos, nahm ihren Neffen Wagenfeld als Erben an, der den Besitz ständig vergrößerte und verbesserte. Als dann im Zweiten Weltkrieg der Sohn und Hoferbe fiel und dessen Kinder auf das Hoferbe verzichteten, erwarb Norbert Möller wieder als Neusiedler die Stätte. Der Anfang war nicht leicht, da neu aufgebaut werden musste. Einige Jahre zuvor waren die Gebäude abgebrannt und existierten nur noch als Ruine. Aber Möllers haben es geschafft, ein schmuckes Anwesen zu errichten. Norbert Möller, von Beruf Schmied, betrieb die Schäferei zunächst nebenberuflich. Aber schon bald machte er dieses Hobby zum Haupterwerb. Die Eltern hatten schon immer einige Schafe gehalten, so war er seit seiner Kindheit vertraut mit diesen Tieren und hat nun das Glück, seinen Traumberuf ausüben zu können. - Wie in allen Sparten der Landwirtschaft muss auch in der Schafhaltung heute nach anderen Gesichtspunkten gewirtschaftet werden als früher, um erfolgreich zu sein.

Wie zu Ostern in einem Zeitungsbericht zu lesen war, hält zur Zeit des Lammens, von Januar bis Februar, ständig einer von Möllers Stallwache, auch des Nachts. Ohne Fleiß kein Preis. Ich denke aber, wenn man mit so viel Freude am Werk ist, bleibt in der Schäferei auch ein bisschen Romantik erhalten, für uns Varler beim Betrachten der Herde am Großen Diek allemal.

 

 

 

aus:   Frieda Warner: „725 Jahre Varler Geschichte(n)“, erschienen 1995 im VML-Verlag, Espelkamp